Es gibt Kopfhörer, die man nach fünf Minuten einsortiert. Klingen gut, machen nichts falsch, bleiben aber irgendwie im bekannten Raster. Und dann gibt es Modelle, bei denen man merkt: Hier wollte jemand bewusst einen anderen Weg gehen. Der Grell OAE2 gehört für mich in diese zweite Kategorie.
Ich habe in den letzten Jahren genug „sehr gute“ Kopfhörer gehört, um zu wissen, dass das eigentliche Problem selten die reine Auflösung ist. Die meisten modernen Hörer können Details. Die Frage ist eher: Wie fühlt sich das Hören an? Ist das eine sterile Lupe oder eine glaubwürdige musikalische Bühne? Genau da setzt der OAE2 an.
Worum geht es beim OAE2 eigentlich?
Der OAE2 ist ein offener, ohrumschließender dynamischer Kopfhörer, der ganz klar für Zuhause gedacht ist. Offen bedeutet: Er schirmt kaum ab und spielt nach außen. Dafür wirkt die Wiedergabe in der Regel luftiger und freier.
Der spannende Teil ist das Konzept hinter der räumlichen Darstellung. Grell nennt das FSFM. Praktisch heißt es: Die Treiber sind so angeordnet, dass der Schall nicht einfach frontal ins Ohr „geblasen“ wird, sondern eher leicht von vorn und schräg. Die Idee dahinter ist, dass das Ohr (also Ohrmuschel und Gehörgang) stärker so arbeitet, wie es auch bei Lautsprechern im Raum passiert. Mehr Natürlichkeit, weniger „im Kopf“.
Das ist natürlich erst mal Marketing, wie bei allen Herstellern. Aber hier steckt ein nachvollziehbarer akustischer Ansatz dahinter. Und man hört, dass es nicht zufällig so gebaut wurde.
Verarbeitung, Alltag, Lieferumfang: angenehm unaufgeregt
Was ich am OAE2 mag: Er versucht nicht, Premium über Glanz und Drama zu verkaufen. Er wirkt modern, funktional, eher Studio als Schmuckstück. Es gibt ein Reiseetui und gleich zwei Kabel, eines mit 3,5 mm (plus 6,3 mm Adapter) und eines symmetrisch mit 4,4 mm. Das ist in der Preisklasse kein Selbstläufer und in der Praxis wirklich hilfreich, weil viele Desktop-DACs und portable Player inzwischen 4,4 mm anbieten.
Auch die Ausrichtung Richtung Langlebigkeit ist bemerkenswert. Austauschbarkeit von Teilen und eine eher „servicefreundliche“ Denke passen gut in die Zeit. Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als pragmatischer Vorteil: Wer 500 Euro ausgibt, will nicht nach drei Jahren ein Wegwerfprodukt.
Klang: die Stärke ist nicht der Effekt, sondern die Plausibilität
Jetzt zum Kern. Der OAE2 ist für mich kein „Wow, krass, so habe ich das noch nie gehört“-Showcase wie manche extrem hell abgestimmten Detailmonster. Er versucht nicht, dich mit Glitzer-Höhen oder künstlicher Breite zu beeindrucken. Sein Ansatz ist eher: glaubwürdig, plastisch, musikalisch.
Bühne und Raum
Die Bühne wirkt nicht einfach nur breit, sondern eher räumlich in der Tiefe organisiert. Bei Live-Aufnahmen und akustischer Musik kann das sehr überzeugend sein. Es fühlt sich weniger nach Kopfhörertrick an und mehr nach einem „da passiert etwas vor mir“.
Bass und Grundton
Trotz offener Bauweise bringt er Substanz mit. Der Bass ist da, er kann tief reichen, und er hat Körper. Er ist aber nicht der Kopfhörer, der dir permanent einen Kickbass in die Stirn drückt. Wenn du hauptsächlich elektronische Musik mit starkem Punch hörst, lohnt es sich, mit Verstärkung und Lautstärke zu spielen. Mit einer passenden Kette wirkt er deutlich souveräner.
Mitten und Stimmen
Hier spielt er aus meiner Sicht seine Sympathie aus. Stimmen und Instrumente wirken greifbar, nicht überanalytisch. Das ist das, was viele als „musikalisch“ beschreiben, ohne dass es in Wärme-Klischees abrutscht.
Höhen
Die Höhen sind eher entspannt als aggressiv. Wer maximale Brillanz und sehr vordergründige Luft will, wird eventuell etwas vermissen. Wer lange hören möchte, ohne dass es nervt, wird das wahrscheinlich als Vorteil sehen.
Wenn ich es kurz auf den Punkt bringe: Der OAE2 will nicht „mehr“ sein als die Aufnahme. Er will sie so darstellen, dass man dranbleibt.
An welchen Verstärker gehört er?
Mit 38 Ohm ist er nicht exotisch schwer anzutreiben, aber das heißt nicht, dass jedes Smartphone das Optimum liefert. Er profitiert klar von einem sauberen Desktop-Amp oder einem guten portablen Player, vor allem wenn du das symmetrische 4,4-mm-Kabel nutzt.
Ein realistischer Tipp: Wenn du ihn am Laptop oder Handy hörst und denkst „ganz nett, aber irgendwie fehlt Stabilität“, dann ist das kein endgültiges Urteil. Der OAE2 wirkt mit besserer Kette reifer und kontrollierter.
Fazit
Der Grell OAE2 ist kein Kopfhörer für den schnellen „Aha“-Moment im Laden. Seine Stärke liegt nicht in Effekten, sondern darin, dass er langfristig überzeugt: mit einer offenen, glaubwürdigen Räumlichkeit, einem körperhaften Grundton und einer Abstimmung, die auch nach Stunden nicht anstrengend wird. Wenn man ihn in Ruhe hört, merkt man, dass hier ein Konzept verfolgt wurde und nicht nur eine weitere Variation eines bekannten Rezepts.
Man muss aber ehrlich sein: Offen bleibt offen. Für Pendeln, Büro oder „nebenbei“ ist er nur bedingt geeignet. Und wer maximale Brillanz oder den aggressiven Punch sucht, wird eher bei anderen Signaturen glücklich. Wer dagegen zuhause ein Setup hat (oder es aufbauen will), das Musik nicht seziert, sondern erlebbar macht, findet im OAE2 einen sehr stimmigen, erwachsenen Kopfhörer in dieser Preisklasse.
Schauen Sie auch gerne unser neuestes YouTube Video zum grell OAE2: